Ernährung – Wettbewerb "Was gibt's denn heute?" 2012

Text

Stimmen

6

Patricia Kaspar

17 Jahre

Augsburg

St.Stephan Gymnasium

Zwei Cheeseburger bitte

„Zwei Cheeseburger, ein Chickenburger und einmal kleine Pommes zum Mitnehmen bitte.“ Ich stand in dem vollgequetschten McDonalds auf der Hohenzollernstraße in München. Vollgequetscht, das war die Fastfoodkette während der Mittagszeit immer. Mein Tag war grauenhaft gewesen. In der Schule hatte ich eine 5 auf die Mathe-Klausur bekommen und einen Verweis obendrein, da mich Herr Mayer, mein unsympathischer Englischlehrer, während seines unglaublich langweiligen Unterrichts beim Handyspielen erwischt hatte. Naja, eigentlich war ich daran ja selbst schuld. Und für Mathe hatte ich einfach nicht genug gelernt. Trotzdem hatten mir diese Ereignisse meinen Tag versaut und so holte ich mir lieber ein fettiges Fastfood-Mittagessen, anstatt nach Hause zu fahren und dort zu kochen. Das hatte ich übrigens schon länger nicht mehr getan. Gekocht. Meine Mutter war ganztags berufstätig und mein Vater hatte uns vor geraumer Zeit verlassen. Somit war ich für mein Mittagessen selbst verantwortlich. Anfangs hatte ich noch fleißig die Kochbücher meiner Großmutter durchblättert und mir die ausgefallensten Gerichte herausgepickt, um meinem Gaumen die herrlichsten und orientalischsten Genüsse zu ermöglichen. Doch mit der Zeit war es mir irgendwie zu anstrengend und zeitaufwändig geworden. Denn anstatt die Zeit in der Küche zu verbringen, legte ich mich lieber ins Wohnzimmer auf die Couch und schaute fern. Und auch abends war bei uns zuhause schon lange nicht mehr gekocht oder gebacken worden. Denn wenn meine Mutter gegen 20 Uhr völlig geschafft von der Arbeit nach Hause kam, war sie zu müde zum Kochen, schob mir meistens eine Pizza oder irgendein anderes Fertiggericht in den Ofen und legte sich sofort in ihr Bett. Doch ich machte ihr keinen Vorwurf, schließlich musste sie am nächsten Morgen schon wieder um 5 Uhr aufstehen und brauchte ihren Schlaf. Ich hingegen ging meist erst sehr spät ins Bett. Oft war es schon nach Mitternacht. Dies war auch der Grund dafür, dass ich so gut wie jeden Morgen verschlief und ohne ein richtiges Frühstück aus dem Haus hetzte. Meinen Kohldampf stillte ich dann in der Schule während der großen Pause mit einer Leberkässemmel und viel Ketchup. Ich weiß, alles in allem war meine Ernährung nicht wirklich die Beste. Obst stand zum Beispiel so gut wie gar nicht auf meinem Speiseplan. Und auch Gemüse aß ich recht wenig. Früher hatte ich mehr davon gegessen. „An apple a day, keeps the doctor away“, daran glaubte ich und Äpfel waren eines meiner Lieblingsessen. Jetzt waren die Äpfel allerdings den Gummibärchen und der Schokolade gewichen. Das komische war, dass ich trotz all dem süßen und fettigen Zeug, das ich Tag für Tag in mich hineinstopfte kein Stückchen dicker geworden war. Obwohl das ein Segen zu sein schien und ich auch ziemlich glücklich darüber war, hassten mich meine Freundinnen insgeheim genau für diese Eigenschaft. Denn umso dünner die Models auf den Laufstegen wurden - schließlich war das ja jetzt der neue Trend - umso mehr eiferten auch meine Freundinnen ihnen nach. Um eine von ihnen machte ich mir mittlerweile sogar richtig große Sorgen. Denn sie hatte nicht nur aufgehört zu essen, sondern hatte auch angefangen nach jedem klitzekleinen Bissen sofort aufs Klo zu rennen, um es gleich wieder heraufzuwürgen. Ja nicht dick werden! So lautete die Devise. Und das gab mir echt zu denken. All das Essen, das sie dadurch verschwendete und ihren Körper kaputt machte. Jedoch durfte ich mir nicht allzu sehr den Kopf darüber zerbrechen, da ich sonst gar nicht mehr damit aufhören konnte und in eine starke Depression verfiel. Also zurück zu meinem eigenen Essverhalten. All das Geld, das ich für sinnlose Naschereien, Fastfood und Tiefkühlgerichte zum Fenster raus warf, hätte ich lieber sparen sollen. Davon hätte ich mir einen neuen Laptop kaufen können. Oder ein Fahrrad. Oder ich hätte es auch spenden können. Schließlich gibt es genug notleidende Menschen auf der Welt. Und damit meine ich nicht nur die Obdachlosen und Hilfsbedürftigen bei uns um die Ecke. Denen spendete ich regelmäßig die paar Euro, die mir nach meinem wöchentlichen Naschwerk-einkauf noch in der Hosentasche herumschwirrten. Nein, ich erinnerte mich an die 6. Klasse zurück, als wir in Religion über die Hungersnot in Afrika gesprochen hatten. Damals hatte unsere Schule sich nämlich nach reifer Überlegzeit ein Herz gefasst und eine Patenschaft für ein kleines Mädchen aus Ghana namens Ayoka übernommen. Ayoka bedeutete so viel wie eine, die überall Freude hinbringt. Jedoch ging es dem Mädchen und auch den anderen Kindern in Ghana nicht besonders gut. Sie alle hatten keine Möglichkeit die Schule zu besuchen und mussten hart arbeiten, um wenigstens ein wenig Geld für Nahrung für sich und ihre Familien aufbringen zu können. Hungersnot. Das war ein grausames Wort. Für uns alle hier allerdings nur ein Wort. Ich könnte wetten, dass kein einziger auch nur im Entferntesten erahnen könnte, was dieses Wort überhaupt bedeutete. Dieses Wort, an das wir alle keinen Gedanken verschwenden wollten, um uns nicht unnötig zu belasten, das jedoch in Afrika an jeder Ecke lauerte. Ich dachte an die ausgemergelten Kinderkörper, die wir auf den Bildern betrachtet hatten und mir grauste es bei dieser Erinnerung. Ich selbst hatte nie wirklich viel Wert darauf gelegt auf mein Essen zu achten. Hatte ich keinen Hunger mehr, warf ich den Rest in die Mülltonne und machte mir 10 Minuten später etwas Anderes zu essen. So einfach war das. Doch für die Menschen aus Afrika und auch aus anderen Ländern kam es nicht einmal in Frage irgendeine Art von Nahrungsmitteln wegzuwerfen. Denn Nahrung ist kostbar. Doch die Bedeutung und den Wert von Lebensmitteln haben die meisten Menschen heutzutage leider vergessen. So auch ich. Naja, vergessen kann man eigentlich nicht sagen. Auf die Bedeutung von Nahrung achten wir alle mittlerweile gar nicht mehr. Denn für uns ist es normal etwas zu essen zu haben. Und zwar so viel, dass wir bequem davon satt werden. „Traurig sowas“, dachte ich mir im Stillen. In der Zwischenzeit, während ich so in meine Gedanken vertieft war, war ich schon längst am Hauptbahnhof angelangt. Ich warf meinen letzten halben Cheeseburger in den Müll und stieg in die UBahn.

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